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Klassische Oper: (k)ein Platz für Kinder?

24 Aug 2014
   
 

Jackie Evancho

Nessun dorma!
Il nome suo nessun saprà…
E noi dovrem, ahimè, morir, morir!

Tod, Grauen, ewige Liebe, Tragödie und Schönheit – diese Motive sind die üblichen Themen der klassische Oper. Ist es aber richtig, wenn diese von einem 9-Jährigen Kind auf der Bühne dargestellt werden?

In den letzten Jahren erschienen viele „sensationelle“ Videos und Artikel über kleine talentierte Opernsänger und Sängerinnen, Wunderkinder, die schwere klassische Stücke singen. Die zehnjährige Jackie Evancho erstaunte die Jury und Zuschauer von der Castingshow „America's Got Talent“ mit ihrer Performance von Ave Maria; der elfjährige Clark Rubinstein wird „der kleine Caruso aus Boston“ genannt und singt auf seinem eigenen Solokonzert auf 7 Sprachen; die neunjährige Amira Willighagen aus Holland nimmt ein Album mit Opernarien auf, darunter Nessun Dorma mit Luciano Pavarotti.

Ohne Zweifel versetzt der Gesang dieser hochbegabten Kinder das Publikum in Entzücken. Auf den zweiten Blick stellt sich aber eine wichtige Frage: Passt dieses Repertoire zu den kleinen Sängern?

Es gibt einige historische Beispiele von solchen frühen Talenten. 1999 eroberte die zwölfjährige Charlotte Church das Publikum mit ihrem unvergleichlich hohen Gesang. Oder ein noch früheres Beispiel ist Anna Gottlieb, die schon als Fünfzigjährige die Rolle der Barbarina aus Figaros Hochzeit sang und zwei Jahre später als Pamina in Mozarts Zauberflöte ausgewählt wurde. Leider nahmen die beiden Geschichte kein gutes Ende. Charlottes Stimme veränderte sich im Erwachsenenalter und war nicht mehr so stark und prächtig, Anna verlor ihre Stimme vollständig und musste ein ärmliches Leben fristen.

Warum denn konnten die Mädchen keine erfolgreiche Karriere im Erwachsenenalter fortzusetzen? Leider allzu oft stehen nicht die Belange der begabten Kinder an der Spitze. Der hervorragende Gesang eines unschuldigen Kinds ist nicht nur spannend und erstaunlich, er kann auch eine lukrative Einkommensquelle sein. Auf der Jagd nach Geld und Ruhm vergessen oft die Erwachsenen (und auch die Eltern des Kindes), dass sie physische und psychische Gesundheit des Kindes aufs Spiel setzen. Oper ist eine ernsthafte Musikrichtung, und sie bedarf viel anstrengender Arbeit, Erfahrung und Verständnis, nicht nur den „Kehlkopfgesang“. Natürlich können Jackie und Amira wunderschön singen, kann ein Kind aber eine klare Vorstellung von Oper haben und dramatische Opernarien mit tatsächlichem Verständnis singen?

Ellen Winner, Professorin für Psychologie am Boston College, behauptet, dass die Kinder, die zu frühzeitig eine Erwachsenenrolle übernehmen, ihrer Kindheit geraubt werden und die wichtige Übergangsphase verpassen. In der Folge kann es zum starken psychischen Trauma führen, wenn das Kind erwachsen wird und damit nicht mehr „besonders“ ist. Die physischen Anstrengungen sind auch für kindlich zarte Stimmen gefährlich. Man kann solche Opernkinder mit kleinen Schwerathleten vergleichen, die viel zu schwere Hanteln zum Profit oder zur Unterhaltung der Erwachsenen und zum Nachteil ihrer eigenen Gesundheit stemmen.

Andererseits, hätte ohne ständige Übungen und Aufführungen in der Kindheit Mozart weltweiten Ruhm gewonnen? Aber Moment mal, die Stimme war ja nicht Mozarts Instrument. Wenn das Klavier eines begabten Kinds beschädigt wird, kann man ein anderes problemlos kaufen. Leider geht genau das mit einer kindlichen Stimme nicht.

Sollen die Eltern Extraübungen verbieten, wenn das Kind wirkliches Talent hat? Auf keinen Fall – soll es singen! Aber nur wenn das Kind sich ungezwungen unter der Aufsicht von Musikexperten entwickelt, mit regelmässigen Stimmbanduntersuchungen und altersgerechtem Training. Und vergessen Sie nicht: Die Kindheit ist so schnell vorbei, lassen Sie Ihr Kind sie völlig geniessen.


Jackie Evancho, Amira Willighagen, Putri Ayu singen Nessun Dorma.

Fotos: "Jackie Evancho" von Justin Higuchi. Quelle: Flickr.com

 
 
 
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